Es war kein großes Stadion, keine jubelnde Menge und kein historischer Moment im übertragenen Sinne — nur ein schlammiger Platz in Lancashire, ein junger Deutscher im Kriegsgefangenenlager und die Tochter eines Fußball-Vereinsmanagers, die ihn anschaute, ohne Misstrauen in den Augen zu haben. In diesem schlichten Blick liegt das Fundament einer Geschichte, die weit über den Fußball hinausreicht: Margaret Friar war die erste Engländerin, die Bernhard Trautmann nicht als Feind sah — und diese Entscheidung veränderte alles.
Wer war Margaret Friar? Eine Frau, kein Beiwerk
Die meisten Artikel über Margaret Friar beginnen mit einem Satz über Bert Trautmann. Das ist bezeichnend — und falsch. Denn Margaret Friar war lange vor ihrer Ehe mit dem deutschen Torwart eine eigenständige Persönlichkeit: die Tochter von John „Jack” Friar, dem Sekretär und Vereinsmanager des Amateurklubs St. Helens Town in Lancashire. Sie wurde am 16. Februar 1930 in St. Helens geboren, einer Industriestadt im Nordwesten Englands, die mit Kohle, Glas und dem Geruch von Arbeit verbunden war — nicht mit Glamour oder Fußballruhm.
Ihr Vater Jack war kein großer Name im englischen Fußball, aber er besaß etwas Selteneres als Prominenz: ein gutes Auge für Talent und einen pragmatischen Umgang mit Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs deutsche Kriegsgefangene in den Lagern rund um St. Helens festgehalten wurden, sah Jack Friar in einem dieser Männer einen außergewöhnlichen Torhüter. Dieser Mann war Bernhard Carl Trautmann, geboren 1923 in Bremen, ehemaliger Fallschirmjäger der Wehrmacht und einer von nur 90 Überlebenden eines ursprünglich 1.000 Mann starken Regiments.
Was Jack Friar tat, war mutig: Er holte Trautmann in seinen Verein. Was Margaret tat, war noch mutiger: Sie ließ sich nicht von der kollektiven Feindseligkeit ihrer Umgebung leiten.
Die Begegnung: Mehr als ein Zufall
Es ist verlockend, die Begegnung zwischen Margaret Friar und Bert Trautmann zu romantisieren — und der Film „The Keeper” (2018) tut genau das mit erheblicher künstlerischer Freiheit. Die Realität war nüchterner, aber nicht weniger bedeutsam. Trautmann begann im August 1948, nach der offiziellen Auflösung der Kriegsgefangenenlager, für St. Helens Town zu spielen. Er entschied sich, nicht nach Deutschland zurückzukehren — ein Schritt, der damals keineswegs selbstverständlich war und dem eine bewusste Entscheidung zugrunde lag: Er wollte neu anfangen.
Margaret lernte ihn über ihren Vater kennen. Was sich entwickelte, war keine naive Romanze, sondern eine Verbindung, die beide aufs Schwerste auf die Probe gestellt wurde. Die Stimmung im Nachkriegsengland gegenüber Deutschen war feindselig — in Manchester, wo Trautmann später für Manchester City spielen sollte, demonstrierten zeitweise 20.000 Menschen gegen seine Verpflichtung. In St. Helens war es kaum anders. Wer Margaret in jenen Jahren nahestand, verstand: Die Beziehung zu einem ehemaligen deutschen Soldaten bedeutete, täglich gegen gesellschaftlichen Druck anzugehen.
Margaret Friar tat es trotzdem. Am 30. März 1950 heirateten die beiden. Trautmanns Eltern konnten aus finanziellen Gründen nicht zur Hochzeit kommen. Es war ein kleiner Beginn, aber ein mutiger.
Die stille Kraft hinter dem Ruhm
Als Bert Trautmann im Oktober 1949 zu Manchester City wechselte und in den folgenden Jahren zu einem der bekanntesten Torhüter Englands aufstieg, war Margaret derjenige, der das Familienleben zusammenhielt. Sie zog drei Söhne groß — John, Mark und Stephen — während ihr Mann 508 Pflichtspiele für Manchester City bestritt, reiste, unter Druck stand und im öffentlichen Rampenlicht lebte.
Ein zeitgenössisches Zeugnis beschreibt die Dynamik der Ehe treffend: Margaret liebte den Glanz des Fußballs und die lokale Bekanntheit — aber sie war unglücklich über das Ausmaß, in dem der Sport Berts Zeit und Energie verschlang, und über die Aufmerksamkeit, die ihm von anderen Frauen zuteil wurde. Das klingt nach einer gewöhnlichen Ehegeschichte, ist aber bei genauerem Hinsehen mehr: Es zeigt eine Frau, die eigene Bedürfnisse und Grenzen hatte — und nicht bereit war, sie dauerhaft zugunsten eines Mythos aufzugeben.
Der 5. Mai 1956 brachte den Wendepunkt in Berts Karriere: Im FA-Cup-Finale gegen Birmingham City spielte er die letzten 17 Minuten mit einem gebrochenen Halswirbel weiter und gewann mit Manchester City 3:1. Drei Tage später bestätigte ein Röntgenbild den Bruch. Die Nation feierte ihn als Helden.
Das dunkelste Jahr: Der Tod des Sohnes John
Wenige Wochen nach diesem Triumph, im Mai 1956, geschah etwas, das keine Sportgeschichte in Heldenprosa fassen kann. John Trautmann, fünf Jahre alt, der älteste Sohn von Margaret und Bert, rannte ohne hinzuschauen über eine Straße in St. Helens — er wollte Süßigkeiten kaufen und ihm fehlte ein Penny. Er wurde von einem Auto erfasst und starb.
Margaret war in diesem Moment auf dem Bürgersteig und sah alles. Bert Trautmann beschrieb diesen Verlust später als den zerstörerischen Riss in ihrer Beziehung: „Margaret kam über Johns Tod nicht hinweg. Sie hatte kein Interesse mehr am Leben.” Es ist eine der wenigen direkten Aussagen, die überliefert sind — und sie zeichnet ein Bild einer Frau, die in ihrer Trauer allein gelassen wurde, während die Öffentlichkeit von ihrem Mann als lebendem Wunder sprach.
Dass die Ehe dennoch noch 16 weitere Jahre hielt, ist vielleicht das erstaunlichste Kapitel in Margarets Geschichte. Sie schieden sich 1972. Margaret zog nach Wales, auf die Insel Anglesey, wo sie bis zu ihrem Tod am 16. August 1980 lebte — im Alter von nur 50 Jahren. Bert Trautmann heiratete zweimal erneut und starb 2013 in Spanien.
Was der Film zeigt — und was er verschweigt
„The Keeper” (2018), in dem Freya Mavor Margaret Friar und David Kross Bert Trautmann spielt, ist ein angemessenes Denkmal für eine außergewöhnliche Geschichte. Aber Filme haben eine Logik, die echten Menschenleben nicht entspricht: Sie brauchen Auflösungen, Triumphmomente, klare Heldinnen. Margaret Friar im Film ist warmherzig, mutig, liebend — eine Nebenfigur in einer Geschichte, die als Fußball-Mythos erzählt wird.
Die echte Margaret Friar war komplizierter. Sie war eine Frau, die einen kontroversen Schritt wagte, als es politisch alles andere als bequem war. Die den Preis dafür zahlte — durch gesellschaftliche Ausgrenzung, durch den öffentlichen Druck auf eine Ehe mit einem deutschen Kriegsveteranen, durch den Verlust ihres Kindes. Und die am Ende allein auf einer walisischen Insel lebte, während die Geschichte, an deren Anfang sie stand, ohne sie weitererzählt wurde.
Das eigentliche Erbe: Versöhnung beginnt im Privaten
Es gibt in der Nachkriegsgeschichte Englands kein besseres Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Versöhnung tatsächlich funktioniert — nicht durch politische Reden, sondern durch individuelle menschliche Entscheidungen. Margaret Friars Entscheidung, einen deutschen Kriegsgefangenen nicht als Feind, sondern als Person zu sehen, war der Ausgangspunkt einer Kette von Ereignissen, die bis heute nachwirkt.
Bert Trautmann wurde 1997 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und erhielt 2004 einen Ehren-OBE für seine Verdienste um die deutsch-britische Verständigung. Er half bei der Gründung der Trautmann Foundation, die bis heute Mut und Sportgeist fördert. Seine Nachkommen — darunter eine Enkelin und ein Urenkel, der ebenfalls als Torwart spielt — leben noch immer in Wales.
All das begann mit Margaret Friars Blick auf einen jungen Mann im Schlamm von Lancashire. Kein Monument trägt ihren Namen. Aber die Geschichte, die sie mitbegründete, ist größer als viele Denkmäler.
FAQ: Die wichtigsten Fragen zu Margaret Friar
Wer war Margaret Friar? Margaret Friar (1930–1980) war eine englische Frau aus St. Helens, Lancashire, und die erste Ehefrau des deutschen Fußballtorwarts Bert Trautmann. Sie war die Tochter von Jack Friar, dem Vereinsmanager von St. Helens Town, über den sie Trautmann um 1948/49 kennenlernte. Ihre Ehe mit Trautmann dauerte von 1950 bis 1972. Sie starb am 16. August 1980 im Alter von 50 Jahren auf der walisischen Insel Anglesey.
Wie lernten sich Margaret Friar und Bert Trautmann kennen? Über ihren Vater Jack Friar, der Trautmanns Torwarttalent erkannte und ihn zu St. Helens Town holte. Trautmann spielte dort ab August 1948, nachdem die Kriegsgefangenenlager offiziell aufgelöst worden waren und er sich entschlossen hatte, in England zu bleiben. Die Beziehung zu Margaret entwickelte sich in diesem Umfeld — mutig, weil Trautmann als ehemaliger deutscher Soldat gesellschaftlich höchst umstritten war.
Warum ist die Geschichte von Margaret Friar historisch bedeutsam? Weil sie eine der frühen zivilen Gesten der Versöhnung zwischen England und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verkörpert. Ihre Bereitschaft, Bert Trautmann als Mensch zu akzeptieren — zu einer Zeit, als 20.000 Menschen gegen seine Verpflichtung bei Manchester City demonstrierten — war kein kleiner Schritt. Sie steht für die Kraft individueller menschlicher Entscheidungen gegenüber kollektivem Misstrauen.
Was geschah mit dem Sohn John Trautmann? John Trautmann, das älteste Kind von Margaret und Bert, starb im Mai 1956 im Alter von fünf Jahren bei einem Verkehrsunfall in St. Helens. Das Unglück ereignete sich nur wenige Wochen nach Berts legendärem FA-Cup-Finale, bei dem er mit gebrochenem Halswirbel weiterspielte. Margaret war Augenzeugin des Unfalls. Bert Trautmann sagte später, der Verlust habe ihre Ehe letztlich zerstört.
Wie wird Margaret Friar im Film „The Keeper” dargestellt? Im Kinofilm von 2018 wird sie von der schottischen Schauspielerin Freya Mavor gespielt. Der Film konzentriert sich auf die Liebesgeschichte zwischen Margaret und Bert und die frühen Jahre ihrer Beziehung bis nach dem FA-Cup-Finale 1956. Einige Szenen und Ereignisse wurden für dramatische Zwecke verändert oder erfunden — etwa die Umstände ihrer ersten Begegnung im Kriegsgefangenenlager.
Fazit
Margaret Friar war keine Randfigur — sie war der menschliche Ausgangspunkt einer Geschichte, die Fußball, Kriegsgeschichte und Versöhnung miteinander verwebt. Was ihr Leben zeigt, ist weniger eine Erfolgserzählung als eine ehrliche: voller Mut, voller Verlust, und am Ende doch von bleibendem Gewicht. Wer die Geschichte Bert Trautmanns verstehen will, muss zuerst verstehen, wer Margaret Friar war — und welche Entscheidung sie traf, als fast niemand sonst bereit war, sie zu treffen.
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